Beim Strandspaziergang einen Sandaal entdeckt / Was sagt Christoph Wittek vom Landesanglerverband MV zum Fund?

Ein Strandspaziergang an der Ostsee ist was Feines. Vor allem, wenn im Sand ein Bernstein leuchtet. Selten hatte ich bisher das Vergnügen. Und wenn, dann waren es kleine Krümel. Noch nie bin ich aber auf einen lebendigen Strandfund wie diesen gestoßen. Im Ostseebad Göhren auf der Insel Rügen steckte ein kleines Fischlein im Sand, das hin und her wankte. Sieht aus wie ein Mini-Aal. Oder ist das ein Baby-Hornhecht?, dachte ich. Vielleicht hatten Spaziergänger ihn mit ihren Schuhen versehentlich in den Sand hineingedrückt, nachdem er sich ans Ufer verirrt hatte.
Doch beim Versuch, dem Tierchen im Wasser die Freiheit zu schenken, schwamm es erst Richtung Horizont, bog dann ab und wollte wieder zurück an den Strand. Hmm! Ist das eines dieser seltenen Tierarten, die sich neuerdings ihren Lebensraum an der Ostsee erobern? Später, beim Googeln, dann die Vermutung, dass es sich wohl um einen Sandaal handeln könnte. Sind die jetzt öfter hier? Müssen Strandspaziergänger damit rechnen, dass sie kleine Äuglein aus dem Sand angucken?
Mal horchen, was die Petrijünger vom Landesanglerverband MV sagen. Biologe Christoph Wittek schaute sich das Foto an und tippte wegen der silbernden Flanken auf einen Tobiasfisch. Der Tobiasfisch gehört zur Familie der Sandaale. Weltweit gibt es über 30 Arten. An den Nord- und Ostseeküsten leben allerdings nur zwei von ihnen – der durchschnittlich 12 bis 18 Zentimeter lang werdende Tobiasfisch, auch kleiner Sandaal genannt, und der bis zu 40 Zentimeter messende Gefleckte große Sandaal.
Christoph Wittek hat sich schon häufiger mit dieser Fischart beschäftigt. Bei einer Forschungsreise in der westlichen Ostsee Richtung Dänemark haben er und seine Kollegen viele dieser Tiere vorgefunden. Besonders zahlreich vertreten ist er an den Nordsee- und Antlantikküsten, vor allem in Schweden, Nordfrankreich und Großbritannien. Da Sandaale aber gern überall da sind, wo es Sandböden gibt, tummeln sich auch viele von ihnen an unserer Küste. „Sie treten in Schwärmen auf“, sagt Christoph Wittek. „Beide Arten werden von vielen räuberischen Fischen gefressen, sind also beste Nahrungsgrundlage für unsere Großen in der Ostsee.“
In Dänemark, so ist im Internet zu lesen, werden Sandaale zuhauf gefangen und zu Fischfutter verarbeitet. In der Vergangenheit sei das auch in MV praktiziert worden, weiß der Biologe vom Landesanglerverband. Heutzutage wäre das nicht mehr üblich. Aber Sandaale werden gern als Köderfische gefangen und verkauft. Wie wild Petrijünger auf sie sind, lässt sich aus den Anglerseiten im Internet herausfischen. Dort wird der Sandaal gar als die längste Praline der Ostsee bezeichnet. Vor allem für Meeresforellen sei er das optimale Kraftfutter.
Doch warum steckte der Sandaal im Ufer? „Sandaale leben in Grundnähe der Sandböden, in denen sie sich auch vergraben“ weiß Christioph Wittek. „Ihr Name Ammodytidae bedeutet ,Sandtaucher’.
Man kann sie im Sommer auch im knietiefen Wasser an sich vorbeischwimmen sehen. Normalerweise graben sie sich im Sand nur an ,Land‘ ein, wenn es Gezeiten gibt. Sie suchen sich also immer einen Bereich, der von Wasser überschwemmt wird. Das ist ihre Überdauerungsstrategie.“
Den Winter verbringen sie meist in Wassertiefen von 20 bis 50 Metern ebenfalls eingegraben im Sand. Bis zu sieben Jahre können Sandaale alt werden. Ihre Laichzeit zieht sich durch das ganze Jahr, abhängig von der Wassertemperatur. Die Eier vergraben sie im Sand oder Muschelkies.
Christoph Wittek schätzt, dass jenes Tier vom Ostseebad Göhren wohl im Wintermodus war und Schutz gesucht hat. Sandaale wie Sand am Meer dürfte es künftig also nicht an unseren Stränden geben. Vielleicht in der kalten Jahreszeit mal das ein oder andere Tierchen, das im Sand vergraben seinen Winterschlaf hält. Fürchten muss sich niemand vor ihnen. Sandaale sind völlig harmlos. Sie haben ein winziges Maul und ernähren sich vor allem von Algenresten und Zooplankton.
Sprotten, Sardinen, Sardellen gelten als leckere „Snacks“ in der Küche. Wie sieht es mit Sandaalen aus? Wer sie essen will, muss die Fischchen erst mal fangen. Angelexperten raten zu einem Heringspaternoster. Mit den kleinen Haken vom Heringsangeln lassen sich die schnellen Schwimmer recht fix überlisten.
Viele sind es nicht, aber ein paar Rezepte finden sich im Internet. Der Sandaal lässt sich in einem Bierteig frittieren, so machen es die Franzosen mit ihrem Gründling. Hierbei sollen die zahlreichen Gräten weich und recht mürbe werden und sich bequem mitessen lassen.
Es gibt auch den Sandaal-Pfannkuchen, ein altes Rezept. Hierbei werden die geköpften, gesalzenen und gepfefferten Sandaale in Roggenmehl gewendet und dicht an dicht in einer kleinen Pfanne mit geschmolzener Butter gewendet. So bildet sich ein Pfannkuchen, auf den vor dem Wenden noch gehäckselte Zwiebeln kommen. Kartoffeln und Gurkensalat dazu. Fertig ist das Mahl des Meeres.

Anja Bölck, SVZ