…von wegen: Christoph Wittek holt sich mit dieser eleganten Angeltechnik alles aus dem Wasser, worauf er Appetit hat. Er ist einer der wenigen Norddeutschen, die diese Königsdisziplin des Angelns beherrschen. Wir konnten uns kaum sattsehen

Anja Bölck

Heute gehts zum Fliegenfischen. Christoph Wittek nimmt uns mit. Der junge Mann ist einer von wenigen Fischköppen in MV, die sich in diesem Hobby verfangen haben. Wer einmal mit der Fliege fischt, fischt immer mit der Fliege. Heißt es. Wenn wir uns Christoph Wittek anschauen, sind wir überzeugt, dass da was dran ist. Gut gelaunt wie Hans im Glück steht er vor uns. Schlapphut auf dem Kopf, Kescher um den Bauch gewickelt, Grinsen im Gesicht. Er will uns zeigen, dass man sich als Fliegenfischer fix nach Feierabend die eine oder andere Flosse fürs Abendessen fangen kann – egal ob eine Plötze, eine Rotfeder, Ukelei, Döbel, einen Barsch oder einen Karpfen.
Noch sind wir skeptisch. Immerhin treffen wir uns nicht an einem tänzelnden Bächlein, an dem hungrige Forellen nach vorbeifliegenden Insekten schnappen. Wir sind verabredet am Faulen See. Der befindet sich direkt neben dem Schweriner Zoo. Motorboote sind hier nicht erlaubt. Ein paar Kanufahrer drehen hin und wieder ihre Runde.
Am idyllischen Ufer, wo sich die Erlen krümmen, stapft Christoph Wittek mit nackten Beinen knietief ins flache Wasser. Er lässt seinen Blick über den See schweifen, checkt die Lage. Sind viele Insekten unterwegs? Fliegen die Schwalben tief? Wie steht die Sonne? Eine Fledermaus huscht vorbei. „Na, so was! Jetzt schon?“ Christoph Wittek wundert sich.

Die ersten Versuche waren ein Fiasko

Dann legt er los. Stellt sich fest wie ein Cowboy hin, winkelt seinen rechten Arm an und kippt ihn, die Angel fest in der Hand, vor und zurück, vor und zurück. Mit der linken Hand gibt er die Angelschnur frei. Die zieht nun lassohafte Kreise in der Luft und landet punktgenau fünf bis zehn Meter weiter im Wasser. Genau dort, wo der junge Mann ein paar Fische vermutet. So geht es es eine ganze Weile. Fliegenfischen ist wohl die eleganteste Art, den Fischen auf die Schuppen zu gehen. Wir können uns kaum sattsehen an diesem Schauspiel.
Grund für die ästhetische Wurftechnik ist, dass man bei dieser Art des Angelns weder schweres Blei noch Würmer oder Gummifische benutzt. Die winzigen Köder, die sich die Fische schnappen sollen, sind viel zu leicht, um sie auf Anhieb weit zu werfen. Als Christoph Wittek zu uns ans Ufer stapft, schauen wir uns die künstlichen Insekten genauer an. Er öffnet eine Box und zeigt uns seine Schätze.
Am liebsten greift der junge Mann zu einer Nymphe. Das ist ein Angelköder, der das Larvenstadium von Insekten imitiert. „Die sehen aus wie die vom Erlenblattkäfer, die hier am Ufer ständig von den herüberhängenden Ästen ins Wasser fallen“, sagt Chistoph Wittek. „Die Fische kennen diese kleinen Leckerbissen also. Meine Köder binde ich übrigens selber – aus Tauben, Möwen- oder Krähen-Federn, was man so vor der Haustür findet. Auch künstliche Fliegen bastle ich mir nebenbei beim Fernsehen.“ Wir heben seine Angel kurz an. Ein Leichtgewicht. Kein Wunder, dass er damit zwei bis vier Stunden herumwedeln kann.
Wie ist der Schweriner zum Fliegenfischen gekommen? Ganz klassisch, sagt er. Ein Freund habe ihn vor zwei Jahren mitgenommen zur Stepenitz. An diesem Fluss bei Schönberg können Angler jederzeit mit einer Überraschung am Haken rechnen, es soll sogar Meerforellen geben, die dorthin zum Laichen schwimmen. Doch für Christoph Wittek war der erste Versuch ein Fiasko. Nichts klappte. In den darauffolgenden Tage zog er sich Videos auf Youtube rein und machte etliche Probewürfe im Garten. Der Ehrgeiz hatte ihn gepackt. Er wollte die Königsdisziplin des Angelns beherrschen.
„Früher hab ich immer gedacht, Fliegenfischen wäre elitär“, erzählt Christoph Wittek, während er zurück ins Wasser stapft. „Man kann hier ja auch eine Menge Geld lassen, 26 Euro allein für einen kleinen Köder aus Fasanenfedern oder 250 Euro für eine Rute. Es gibt aber auch Anfängersets für 100 Euro.“ Christoph Wittek hatte Glück, er konnte mit einer gebrauchten Starter-Ausrüstung loslegen. Inzwischen greift er am liebsten zur Glasfaser-Angel, weil die nicht so schnell bricht wie die aus Kohlefaser. Aber das ist jetzt zu viel Anglerlatein.

Sich bewegen und auf „Pirsch“ gehen

Juhuu, der erste Fisch hat soeben angebissen. Es ist eine Plötze. Wenig später präsentiert uns Christoph Wittek eine Rotfeder. Er verputzt sie alle. Ihm schmecken Süßwasserfische besser als die aus dem Meer. Und er ist begeistert, wie gut sie sich durchs Fliegenfischen fangen lassen. Selbst in der kalten Jahreszeit. Watthose an und rein ins Wasser. Sogar im Februar am Dorfteich schnappen die Fische nach seinen Nymphen.
„Eigentlich schade, dass Fliegenfischen in Norddeutschland so wenig verbreitet ist“, bedauert er. „Es ist aber nicht so, dass hierzulande gar keiner weiß, wies geht. Einige ältere Angler beherrschen die Technik noch aus DDR-Zeiten, als in den Vereinen noch Casting, also Trockenangeln oder Turnierwurfsport weit verbreitet war. Und ich hab schon von welchen gehört, die an der Ostsee mit Fliegenfischen ihr Glück versuchen und dort Meerforellen, Hornhechte und sogar Plattfische angeln.“
Am Fliegenfischen gefällt Christoph Wittek besonders, dass er sich bewegen und auf „Pirsch“ gehen kann. Das ist mehr seins, als stundenlang mit Angel und Bier in der Hand auf dem Stuhl zu sitzen und zu hoffen, dass jemand da unten in der Tiefe Bock auf seinen Wurm hat. Klar könnte er auch beim Spinnangeln einen schönen Wurf hinlegen, sportlich den Köder auswerfen und wieder einholen. Aber das Fliegenfischen ist ein wenig kniffliger und verlangt mehr Geschicklichkeit. „Es sieht einfach toll aus, wenn die Schnur durch die Luft fliegt und man sieht, wie zwei, drei Fischlein dem Köder hinterherjagen“, schwärmt der junge Mann. Christoph Wittek schaut übers Wasser. „Die Fische kommen. Noch ein, zwei Stunden und das Wasser brodelt.“ Doch dann wird er nicht mehr hier sein, sondern Zuhause mit seinen Kindern beim Abendbrot sitzen und Pläne fürs Wochenende schmieden. Kürzlich haben sie hier am Faulen See zusammen Barsche, Plötze und einen Gründling rausgeholt. Seine Tochter Frida hat gerade ihren Angelschein in der Tasche. Sie ist jetzt ganz wild darauf, das Fliegenfischen zu lernen. Wer einmal mit der Fliege fischt…