Illustration: DAFV, Eric Otten

Berlin, 01.06.2026 – Auch in diesem Jahr wird über den „Fisch des Jahres 2027“ öffentlich abgestimmt. Zur Wahl stehen erneut drei Fischarten, welche vom Bundesamt für Naturschutz, der Gesellschaft für Ichthyologie e.V. und dem Deutschen Angelfischerverband e.V. benannt wurden. Diese stehen der Öffentlichkeit im Rahmen des Abstimmungsverfahrens zur Auswahl.

Der Titel „Fisch des Jahres“ soll auf die vielfach bestehenden, vom Menschen verursachten Beeinträchtigungen der Lebensräume heimischer Fischarten aufmerksam machen.

Die Abstimmung läuft bis zum 01.09.2026. Der „Fisch des Jahres 2027“ wird im November 2026 bekannt gegeben. Im Folgenden finden sich Hintergrundinformationen zu den Kandidaten.

Hier Abstimmen

Direkter Link zur Umfrage:
https://survey.lamapoll.de/Fisch-des-Jahres-2027

Die Kandidaten

Der Nordseeschnäpel (Coregonus oxyrinchus)

Der Nordseeschnäpel (Coregonus oxyrinchus). Abbildung: DAFV, Eric Otten

Der Nordseeschnäpel ist eine so genannte anadrome Wanderfischart, die im Spätherbst aus dem Meer in die Flüsse aufsteigt, um dort zu laichen. Die Eier entwickeln sich im Süßwasser treibend zu Larven, die sich zunächst aus ihrem Dottersack ernähren. Nachdem dieser aufgebraucht ist, müssen die Larven auf externen Nahrungserwerb umstellen, wobei sich ihre aktive Schwimmfähigkeit weiter ausbildet. Nach einer weiteren Umwandlung, der sogenannten Metamorphose, zum Jungfisch wandern sie zurück in die Ästuare und ins Küstenmeer. Dort verbringen sie ihre Jugend und wandern zum Laichen zurück in die Flüsse, wenn sie im Alter von ca. 4-5 Jahren geschlechtsreif werden. Entlang dieser alljährlichen Wanderungen bestehen vielfältige Gefährdungsursachen, insbesondere physische Wanderbarrieren wie Sperrwerke, Staustufen und Kraftwerke, schlechte Wasserqualität und das Fehlen geeigneten Laichhabitats. Denn wie auch die eng verwandten Lachse und Forellen benötigen auch Nordseeschnäpel zum Laichen saubere und sauerstoffreiche Flüsse mit Kiesgrund. Sie sind jedoch keine so „sportlichen“ Wanderer wie Lachse oder Meerforellen und sind daher auf moderate Strömung ohne größere Wanderhindernisse angewiesen.

Infolge dieser und weiterer Gefährdungen gilt der Nordseeschnäpel seit Mitte des 20. Jahrhunderts in Deutschland als ausgestorben. Zur Taxonomie gibt es bislang keinen abschließenden Stand. Aktuell geht man davon aus, dass Coregonus oxyrinchus nur im Rheinsystem einschließlich der vorgelagerten Nordseegebiete vorkam und dort ausgestorben ist, und dass im Rhein eine aus dem dänischen Tieflandfluss Wiedau stammende Population etabliert wurde. Nur dort und in der etwa 15 km nördlich gelegenen Ribe Au haben kleine, sich selbst erhaltende Populationen überlebt. Alle anderen Vorkommen hängen bislang von Besatz ab. Erwachsene Nordseeschnäpel können einen halben Meter lang und über 2 kg schwer werden.

Laut einer aktuellen Studie im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) ist die Wiedereinbürgerung des Nordseeschnäpels in mindestens vier norddeutsche Gewässer potenziell möglich, was allerdings voraussetzt, dass die Gefährdungsursachen beseitigt werden. Ein weiteres Vorhaben im Auftrag des BfN widmet sich derzeit der Erarbeitung eines konkreten Wiederansiedelungsplans des Nordseeschnäpels in norddeutschen Flüssen.

Das Flussneunauge (Lampetra fluviatilis)

Flussneunauge (Lampetra fluviatilis). Abbildung: DAFV, Eric Otten

Das Flussneunauge ist ein faszinierendes Relikt der Erdgeschichte. Als Vertreter der Rundmäuler gehört es zu einer urtümlichen Gruppe von Wirbeltieren, die weder Kiefer noch paarige Flossen besitzt. Stattdessen kennzeichnen ein rundes, mit Hornzähnen besetztes Saugmaul sowie sieben markante, offene Kiemenspalten sein Erscheinungsbild. Auch wenn es zoologisch streng genommen kein „Fisch“ im modernen Sinne ist (wie Knorpel- und Knochenfische), wird es aufgrund seiner Lebensweise traditionell dazu gezählt.

Als Wanderfisch, beheimatet in den Flussgebieten von Nord- und Ostsee, führt das Flussneunauge ein Doppelleben: Während die erwachsenen Tiere im Meer räuberisch von Blut und Gewebe anderer Fische leben, verbringen die Larven, auch Querder genannt, mehrere Jahre als harmlose Filtrierer in feinsandigen, schlammigen Flussböden. Zur Fortpflanzung kehren die Adulttiere aus dem Meer in ihre Heimatgewässer ins Süßwasser zurück. Dort suchen sie saubere, kiesige Oberläufe auf, um abzulaichen und kurz darauf zu sterben.

Dieser komplexe Lebenszyklus macht das Flussneunauge besonders verwundbar. Es benötigt nicht nur intakte Laichhabitate, sondern vor allem durchgängige Flusssysteme ohne unüberwindbare Barrieren. Nachdem die Bestände durch Gewässerverbau und Verschmutzung massiv eingebrochen waren, zeigt sich seit den 1990er-Jahren ein leichter Erholungstrend. Dennoch bleibt die Art weit hinter ihrer historischen Verbreitung zurück. In der europäischen Roten Liste wird das Flussneunauge daher weiterhin als potenziell gefährdet eingestuft – ein Mahner für den Schutz unserer frei fließenden Flüsse.

Die Karausche (Carassius carassius)

Karausche (Carassius carassius). Abbildung: DAFV, Eric Otten

Die Karausche ist eine ursprünglich in weiten Teilen Europas und Westasiens verbreitete karpfenartige Süßwasserfischart, die vor allem stehende und sehr langsam fließende Gewässer besiedelt. Typische Lebensräume sind naturnahe Teiche, Weiher, Altarme und Gräben mit dichter Wasserpflanzenvegetation Die Fortpflanzung erfolgt im späten Frühjahr und Frühsommer, meist zwischen Mai und Juni. Die Weibchen laichen mehrfach während der Saison und heften ihre klebrigen Eier an Wasserpflanzen in flachen, stark verkrauteten Uferzonen. Die Larven und Jungfische entwickeln sich zwischen der Vegetation, wo sie ein reiches Nahrungsangebot und Deckung vor Fressfeinden finden. Karauschen sind ausgesprochen anpassungsfähig und können auch in Gewässern mit zeitweise sehr niedrigen Sauerstoffgehalten überleben, was sie zu einer charakteristischen Art extensiv genutzter Stillgewässer macht.

Entlang dieses Lebenszyklus bestehen jedoch vielfältige Gefährdungsursachen. Insbesondere die Zerstörung und Entwertung von Kleingewässern, Uferbefestigungen, regelmäßige Entschlammungen sowie der Eintrag von Nährstoffen führen zum Verlust geeigneter Lebensräume. Eine heute besonders bedeutende Bedrohung stellt die Konkurrenz durch eingeführte nahe verwandte Arten dar, vor allem den Giebel (Carassius gibelio) sowie ausgesetzte Goldfische und deren Hybride. Diese breiten sich in vielen Gewässern stark aus und verdrängen die heimische Karausche. Hybridisierungen zwischen Karauschen und allochthonen Carassius-Arten sind aus mehreren europäischen Ländern bekannt und werden auch für Deutschland vermutet.

Infolge dieser Entwicklungen sind die Bestände der Karausche in vielen Regionen Mitteleuropas seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark zurückgegangen. In einigen Gebieten ist die Art bereits verschwunden oder kommt nur noch in isolierten Restpopulationen vor. Nach der Roten Liste Deutschlands wird die Karausche als Stark gefährdet eingestuft. Während die Art in den meisten Bundesländern stark zurückgegangen ist, wird sie in Mecklenburg-Vorpommern noch als vergleichsweise häufig beschrieben. Üblicherweise erreicht sie Längen von 15 bis 35 Zentimetern. Nur selten werden Individuen mit über 50 Zentimetern und einem Gewicht von etwa drei Kilogramm dokumentiert.

Für den langfristigen Erhalt der Karausche sind gezielte Schutz- und Managementmaßnahmen erforderlich. Dazu gehören der Erhalt und die Entwicklung strukturreicher, fischökologisch wertvoller Stillgewässer, der konsequente Verzicht auf den Besatz mit Giebel und anderen nicht heimischen Karpfenfischen sowie der Schutz vorhandener Refugialgewässer. In Einzelfällen kann ein unterstützender Besatz sinnvoll sein, sofern dieser ausschließlich mit Individuen aus genetisch nachgewiesen reinen Karauschenlinien erfolgt.

Infobox: Fisch des Jahres

Seit 1991 wird in Deutschland der „Fisch des Jahres“ durch die organisierte Anglerschaft ausgezeichnet. Die Auswahl und Bekanntgabe erfolgt in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) und der Gesellschaft für Ichthyologie e.V. (GfI). Mit dieser gemeinsamen Initiative machen die Partner auf die Gefährdung einzelner Fischarten sowie auf die ökologischen Herausforderungen in unseren Gewässern aufmerksam. Der „Fisch des Jahres“ wird seit 2023 in einer öffentlichen Online-Abstimmung gewählt.

Weitere Informationen sowie die Möglichkeit zur Abstimmung finden Sie online unter:

https://www.dafv.de/projekte/fisch-des-jahres/fisch-des-jahres-2027-jetzt-abstimmen