
Der Bestand von Hechten in den Boddengewässern vor Rügen ist rückläufig. Ein bundesweit einzigartiges Forschungsprojekt geht den Ursachen dafür nach.
Er ist der beliebteste Fisch unter Anglern, der Hecht. Und sein Revier, der Bodden rund um Rügen, ist ein Angelparadies. Doch Hechte, insbesondere große, kommen dort im Brackwasser immer seltener vor. Warum das so ist, untersucht gerade ein internationales Team an Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen. Führend dabei ist das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin. Partner in Mecklenburg-Vorpommern sind die Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei und das Thünen-Institut für Ostseefischerei.
Auf RĂĽgen herrscht dicke Luft zwischen Fischern und Anglern. Der Grund: ein Traumfang von rund zwei Tonnen Hecht eines KĂĽstenfischers.
Hecht ist stark befischt
Leiter des praxisorientierten Projektes ist Robert Arlinghaus, Professor fĂĽr Integratives Fischereimanagement an der Humboldt-Universität zu Berlin. Erste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der Hechtbestand deutlich abgenommen hat. Die Fische werden laut Arlinghaus nicht mehr so lang wie sie rein theoretisch werden könnten. „Das ärgert natĂĽrlich die Angler. Aber der Hecht hat eben eine hohe Sterblichkeit im erwachsenen Lebensstadium.“ Auch die Menge an Hechten, also deren Biomasse, ist deutlich geringer als in der Vergangenheit. Die Forscher beobachten dieses Phänomen seit 2010. Robert Arlinghaus betont dabei: „Der Boddenhecht wird stark befischt, er ist aber nicht dramatisch ĂĽberfischt oder ĂĽberangelt.“ Vor allem im Greifswalder Bodden und westlich von RĂĽgen sind dessen Bestände aber rĂĽckläufig. Die Wissenschaftler haben bereits auch einige Umweltfaktoren herausgearbeitet, die sich negativ auswirken.
Unterwasserpflanzen wichtig fĂĽr Hechte
Sie wissen, dass der Hecht sehr stark von Unterwasserpflanzen abhängig ist, denn sie sind Laichgebiet und Lebensraum fĂĽr Jungtiere. Was die Wissenschaftler verwundert, ist, dass die Nährstofflast im Bodden abnimmt, sich trotzdem aber nicht flächendeckend Unterwasserpflanzen bilden. Das ist vor allem im Greifswalder Bodden so. Bislang haben die Forscher dafĂĽr keine Erklärung. „Auf jeden Fall ist diese Entwicklung nicht gut fĂĽr den Hecht“, betont Arlinghaus.
Wo laichen Boddenhechte?
Das internationale Forscherteam untersucht zudem, wo die Boddenhechte laichen und von woher die Tiere auf die Laichgebiete kommen. Viele Bäche und Gräben sind mittlerweile blockiert, etwa um die Felder und Wiesen im Hinterland ĂĽberschwemmungsfrei zu halten. Der Hecht als SĂĽĂźwasserfisch hat es immer schwerer, seine typischen Laichgebiete im SĂĽĂźwasser zu erreichen. „Wenn dann diese ganzen Stressfaktoren zusammenkommen: viel Fischerei, Robben, Kormorane, es wird wärmer, weniger Hering – dann verliert der Hecht auch eine Pufferfunktion.“ Fakt ist: Der Hecht mag es eher kĂĽhl. Wasser, das ĂĽber viele Tage wärmer als 20 Grad ist, stresst ihn. Die Fische fressen weniger, sind weniger aktiv, das wirkt sich auch auf den Zuwachs aus.
Gemeinsam mit Anglern und Fischern haben die Wissenschaftler auch 300 Hechte gefangen und ihnen kleine Sender eingesetzt. Außerdem wurden diese Tiere äußerlich mit kleinen, weißen Fähnchen markiert. Weitere 1.400 Hechte haben ein orangefarbenes Fähnchen als Markierung. Anhand dieser Tiere wollen die Forscher herausfinden, ob und wie die Hechte durch die einzelnen Boddengewässer wandern und wo sie sich zum Laichen sammeln. Wichtig ist, dass Angler oder Fischer markierte Hechte melden, die ihnen ins Netz gegangen sind, um etwa Fangorte oder Informationen zur Wanderung der Tiere dokumentieren zu können.
Brackwasser- oder SĂĽĂźwasserhecht?
Arlinghaus und sein Team untersuchen auch die DNA von Hechten. Sie wollen herauszufinden, ob es sich um einen reinen SĂĽĂźwasserhecht handelt oder um einen Brackwasserhecht und wie eng die Hechte unterschiedlicher Bodden miteinander verwandt sind. „Wenn wir feststellen, dass hohe Anteile aus dem SĂĽĂźwasser kommen, obwohl immer mehr Bäche blockiert sind, dann ist das ein sehr wichtiger Hinweis dafĂĽr, Renaturierung zu betreiben und wenn möglich, diese Bäche wieder anzuschlieĂźen, um das Hechtaufkommen zu steigern.“ Gerade der Salzgehalt spielt fĂĽr den SĂĽĂźwasserfisch eine bedeutende Rolle. Die Boddenhechte haben sich zwar angepasst, die Befruchtungsraten ihrer Eier sind aber noch immer im SĂĽĂźwasser höher als im Brackwasser. Das zeigt eine aktuelle Studie der Universität Rostock.
Fischer, Angler und NaturschĂĽtzer mit im Boot
Die wohl wichtigsten Partner des Projektes sind Guides, Fischer, Angler und NaturschĂĽtzer. Sie melden und berichten ĂĽber ihre Fänge, schildern ihre Erfahrungen. Einige speziell ausgebildete Guides und Angler helfen mit, Hechte zu fangen und zu markieren. Auch der Landesverband der Deutschen Kutter- und KĂĽstenfischer und der Landesanglerverband unterstĂĽtzen das deutschlandweit einzigartige Projekt. „Es ist fĂĽr uns enorm wichtig. Denn es geht um die Frage, wie können wir den Boddenhecht schĂĽtzen und nachhaltig nutzen? Um zu wissen, was im Falle des Boddenhechtes tatsächlich nachhaltig ist, brauchen wir alle Fakten“, sagt Verbandssprecherin Claudia ThĂĽrmer. In Arbeitsgruppen werden alle Interessen gebĂĽndelt. Mithilfe von Runden Tischen werden Bewirtschaftungsoptionen fĂĽr den Hecht und seine Förderung erarbeitet, die später an das Ministerium fĂĽr Landwirtschaft und Umwelt in Schwerin ĂĽbergeben werden. Die eigentlichen Empfehlungen erarbeiten also Praktiker wie Guides, Angler, Fischer und NaturschĂĽtzer und nicht die Wissenschaftler.
Zudem läuft gerade eine umfängliche Befragung unter einheimischen Anglern und jenen, die als Touristen in Mecklenburg-Vorpommern schon einmal auf Hechtjagd gegangen sind. Mehr als 1.500 Angler haben diesen Onlinefragebogen bereits ausgefüllt, aber die Wissenschaftler hoffen, dass noch mehr Einheimische die Fragen beantworten. Sie suchen auch Kontakt zu Berufsfischern, die sich möglicherweise auf Boddenhecht spezialisiert haben und ihre Erfahrungen und Vorschläge für die Zukunft einbringen möchten.
Forschungsprojekt geht ĂĽber Jahre
Das internationale Forschungsprojekt läuft noch bis Mitte 2023. Es wird finanziell gefördert unter anderem vom Land Mecklenburg-Vorpommern und der Europäischen Union. Auch der Bund und das Land Berlin kofinanzieren das Projekt über das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei.
NDR Radio MV, Franziska Drewes