Berlin, 02.11.2026. Die Karausche (Carassius carassius) ist Fisch des Jahres 2027. Mit dieser Wahl machen der Deutsche Angelfischerverband e.V. (DAFV), das Bundesamt für Naturschutz (BfN) und die Gesellschaft für Ichthyologie e.V. (GfI) auf eine einst weit verbreitete und heute vielerorts gefährdete Fischart aufmerksam.

8.200 gültige Stimmen 59,07 % Karausche 24,77 % Flussneunauge 16,16 % Nordseeschnäpel
 
20–35 cm typische Körperlänge 64 cm größte dokumentierte Länge seit 1991 Fisch des Jahres 2010 schon einmal Fisch des Jahres

Die Karausche ist eine Charakterart flacher, dicht bewachsener Stillgewässer. Sie verfügt über eine außergewöhnliche Toleranz gegenüber Sauerstoffmangel und besiedelt damit Gewässer, die für andere Fischarten dauerhaft nicht bewohnbar sind. Gerade diese Spezialisierung macht die Art anfällig, denn die von ihr besiedelten Kleingewässer sind in Mitteleuropa stark zurückgegangen.

Nach der bundesweiten Roten Liste der Süßwasserfische und Neunaugen gilt die Karausche als stark gefährdet. Sie wird dort als selten geführt, die Bestände weisen langfristig einen starken Rückgang auf. Ihre Ernennung zum Fisch des Jahres steht stellvertretend für die naturschutzfachliche Bedeutung kleiner, vegetationsreicher Stillgewässer.

Merkmale und Verhalten

Die Karausche zählt zur Familie der Karpfenfische (Cyprinidae). Kennzeichnend für die Art sind ein hochrückiger, seitlich abgeflachter Körper, große Schuppen und eine konvex gewölbte Rückenflosse. Die Grundfärbung variiert von goldbraun über messingfarben bis oliv, die Bauchseite ist heller abgesetzt. Barteln, wie sie der Karpfen besitzt, fehlen. Die Körperlänge beträgt in der Regel 20 bis 35 Zentimeter, die größte dokumentierte Länge liegt bei 64 Zentimetern. Die Geschlechtsreife tritt im dritten bis vierten Lebensjahr ein.

Die Laichzeit erstreckt sich über Mai und Juni. Als Laichsubstrat dient die submerse Vegetation flacher, stark verkrauteter Uferzonen, an der die klebrigen Eier abgelegt werden. Larven und Jungfische entwickeln sich innerhalb dieser Vegetation, die ihnen gleichzeitig Deckung und Nahrung bietet. Das Nahrungsspektrum der Karausche umfasst Zooplankton, Insektenlarven, Kleinkrebse, Würmer und pflanzliches Material.

Bemerkenswert ist die Toleranz der Art gegenüber Sauerstoffmangel. Bei winterlichen Wassertemperaturen übersteht die Karausche mehrere Monate in nahezu sauerstofffreiem Wasser. Sie stellt ihren Energiestoffwechsel dabei auf einen Abbauweg um, dessen Endprodukt nicht Milchsäure, sondern Ethanol ist. Dieses wird über die Kiemen an das umgebende Wasser abgegeben. Damit entfällt die Anreicherung toxischer Stoffwechselprodukte im Gewebe, die anderen Fischarten unter vergleichbaren Bedingungen Grenzen setzt. Die Fähigkeit ist an niedrige Temperaturen gebunden: Bei sommerlichen Verhältnissen liegt die Überlebensdauer unter vollständigem Sauerstoffmangel bei etwa einem Tag. Sie erklärt die Bindung der Karausche an flache, vegetationsreiche Gewässer, die unter Eisbedeckung eine ausgeprägte Sauerstoffzehrung aufweisen.

Von den gebietsfremden Vertretern der Gattung Carassius ist die Karausche morphologisch nur eingeschränkt zu unterscheiden. Als Merkmale gelten die konvex gewölbte Rückenflosse sowie das helle Bauchfell, das beim Giebel dunkel pigmentiert ist. Bei Hybriden ist eine sichere Bestimmung im Gelände oft nicht möglich.

Die Karausche, heimisch in vegetationsreichen Stillgewässern, Foto: Stephan Höferer

Verbreitung und Lebensraum

Das Verbreitungsgebiet der Karausche erstreckt sich von West- und Mitteleuropa bis nach Sibirien. Als Lebensraum dienen naturnahe Teiche, Weiher, Altarme und Gräben mit dichter submerser Vegetation. Die Art gilt als charakteristischer Vertreter extensiv genutzter Stillgewässer.

Die Bestandsentwicklung verläuft regional deutlich unterschiedlich. In Nordrhein-Westfalen wird die Karausche nach der aktuellen Roten Liste des Landes als vom Aussterben bedroht geführt. In Mecklenburg-Vorpommern gilt sie dagegen als ungefährdet.

Gefährdung und Managementmaßnahmen

Die wesentlichen Gefährdungsursachen betreffen den Lebensraum. Zu nennen sind die Entwertung und Verlandung von Kleingewässern, die Befestigung der Uferzonen, regelmäßige Entschlammungen sowie Nährstoffeinträge aus dem Umfeld, die die submerse Vegetation zurückdrängen. Da die betroffenen Gewässer klein und vielfach nicht als schutzwürdig erfasst sind, bleiben diese Verluste häufig unbemerkt.

Als zweite wesentliche Ursache gilt die Konkurrenz durch eingeführte Vertreter derselben Gattung. Der Giebel wurde nach Angaben der Roten Liste offenbar erst nach 1945 über Russland nach Mitteleuropa eingeführt und ist hier gebietsfremd. Er ist konkurrenzstärker als die Karausche und dominiert Gewässer, in die er gelangt. Hinzu kommen Goldfische aus Gartenteichen und Aquarien. Beide Arten hybridisieren mit der Karausche. Genetisch reine Karauschenbestände werden dadurch zunehmend seltener.

Für den Erhalt der Karausche sind der Schutz und die Neuanlage geeigneter Kleingewässer maßgeblich. Hinzu kommen der Verzicht auf Entschlammung und Uferverbau in bekannten Karauschengewässern, die Reduktion von Nährstoffeinträgen sowie die Sicherung von Refugialgewässern. Ein unterstützender Besatz ist nur aus genetisch nachgewiesen reinen Karauschenbeständen und nur bei zuvor gesichertem Lebensraum sinnvoll. Langfristig erfordert der Erhalt der Art eine gewässerübergreifende Strategie, die verbliebene Bestände stabilisiert und miteinander vernetzt. Angelvereinen kommt als Bewirtschaftern kleiner Stillgewässer dabei eine unmittelbare Verantwortung zu.

•Charakterart flacher, vegetationsreicher Stillgewässer mit einer typischen Körperlänge von 20 bis 35 Zentimetern
•Bundesweit stark gefährdet
•Ausgeprägte Toleranz gegenüber Sauerstoffmangel und Überwinterung über mehrere Monate in nahezu sauerstofffreiem Wasser
•Hauptgefährdung: Verlust, Entschlammung und Eutrophierung vegetationsreicher Kleingewässer
•Verdrängung und Hybridisierung durch die gebietsfremden Gattungsvertreter Giebel und Goldfisch

Infobox: Fisch des Jahres

Seit 1991 wird in Deutschland der „Fisch des Jahres“ durch die organisierte Anglerschaft ausgezeichnet. Die Auswahl und Bekanntgabe erfolgen in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) und der Gesellschaft für Ichthyologie e.V. (GfI). Mit dieser gemeinsamen Initiative machen die Partner auf die Gefährdung einzelner Fischarten sowie auf die ökologischen Herausforderungen in unseren Gewässern aufmerksam.

Für die Wahl spielen verschiedene Kriterien eine zentrale Rolle, darunter die Naturschutzrelevanz, das Vorkommen in deutschen Gewässern, die Bekanntheit der Art und ihre symbolische Bedeutung für bestimmte Lebensräume. Darüber hinaus soll der jeweilige „Fisch des Jahres“ auf Probleme wie Gewässerverschmutzung, Flussverbauungen oder den Klimawandel hinweisen.

Der „Fisch des Jahres“ wird seit 2023 in einer öffentlichen Online-Abstimmung gewählt. Unter den 8.200 gültigen Stimmen ging für 2027 die Karausche als Siegerin hervor. Die Ergebnisse der Abstimmung waren wie folgt: Karausche: 59,07%, Flussneunauge: 24,77%, Nordseeschnäpel: 16,16%. Die Karausche war bereits 2010 Fisch des Jahres.

Bildnachweis

Abbildung 1: Illustration Karausche, gezeichnet von Eric Otten; © Deutscher Angelfischerverband, zur Verwendung in Zusammenhang mit dieser Pressemitteilung bei Quellenangabe gestattet
Abbildung 2: Foto Die Karausche, heimisch in vegetationsreichen Stillgewässern, Foto: Stephan Höferer, zur Verwendung in Zusammenhang mit dieser Pressemitteilung bei Quellenangabe gestattet

Verweis auf die Rote Liste der Süßwasserfische:
https://www.rote-liste-zentrum.de/de/Download-Wirbeltiere-1874.html